4. AC/DC – HIGHWAY TO HELL


Wie alles im Leben, hat auch das mit den Gefühlen seine Gründe, denn seit der Geschichte mit meinem Freund „Dackel“, der schon damals einen Grabstein mit der Aufschrift »Hier liegt der Hund begraben.« hatte, ging das mit mir und den Gefühlen nicht mehr. Es ging vielleicht nie richtig, aber seitdem habe ich gleich gar nichts mehr an mich herangelassen, heranlassen können. Was keine bewusste Entscheidung war und mir im Übrigen nicht nur im Laufe meiner zweiten Ehe schmerzlich auf die Füße fiel.
Nicht, dass die Geschichte mit meinem verstorbenen Bruder und den folgenden Reaktionen meines Vaters, der manchmal versuchte alles aus mir heraus zu prügeln, allein nicht ausreichen würden, um eine nachhaltige Bindungsstörung zu begründen. Doch wenn meine Kindheit vielleicht mein Urvertrauen anknackste, dann ließ die Geschichte mit Dackel wohl letztlich alles brechen, was noch nicht zerbrochen war.
Es wäre dem Verstehen wohl zuträglich, wenn ich kurz erzähle, worum es dabei ging, aber dazu muss ich etwas ausholen:

Nach der Biermann-Ausbürgerung 1976 wurden alle, die in der JG zu tun hatten, Ewigkeiten verhört, viele wanderten danach in den Knast, nur eine Hand voll Leute blieb übrig und unsere Oase im Herzen der Stadt, drohte kaputt zu gehen. Wie in so vielen anderen Verhören auch, wurde mir irgendwann ein Angebot zur Kooperation gemacht. Das formulierte man nicht so, es hieß ganz unspektakulär, dass der Missbrauch durch den Klassenfeind in der Jungen Gemeinde Stadtmitte unterbunden werden sollte und man mir anbot, weitere Gespräche darüber zu führen. Mir war allerdings sofort mulmig bei der Sache, denn unterm Strich bedeutete dies natürlich nur eins: Ich sollte informeller Mitarbeiter werden. Ein Spitzel, wie man heute sagen würde. Ich schwieg, wie so oft, und ließ die Propagandadresche über mich ergehen, während eine kleine Idee in mir keimte. Ein paar Tage später traf ich mich mit Walter und meinem Freund Blase und erzählte beiden von dem Verhör und meinem Gedanken, dieses Spiel einzugehen. Man muss dazu wissen, dass es eine Zeit war, in der wir in unserer Gruppe längst gemerkt hatten, dass wir in diesem Land nicht weiter würden leben können, wenn wir nur in Abwehrhaltung verharrten. Es gab also schon länger Gedanken, wie man mit den staatlichen Stellen ins Gespräch kommen könnte, um einen Weg durch die Institutionen zu gehen.
Ich hatte also die reichlich naive Hoffnung, durch gezielte Aussagen klarmachen zu können, dass wir keine Terroristen waren, dass wir nichts Böses im Schilde führen würden und ein harmloser, im Grunde fauler Haufen wären, der gern Musik hört und mal ein Bierchen trinkt. Ein Haufen eben, um den man sich keine Sorgen machen müsste. Ich bildete mir ein, dass ich die JG und andere Leute, auch andere Dinge, auf diese Weise schützen könnte, in dem ich sie erklärte, verharmloste und als ungefährlich, ja uninteressant darstellte.

Es war ein Experiment, nur dass mir die Explosivität und die Tragweite während es begann, noch gar nicht wirklich bewusst war. Ich hatte auch keine Bereitschaftserklärung unterschrieben oder etwas Ähnliches, ich bin einfach auf das Gesprächsangebot eingegangen und bekam den Decknamen IM Matthias und traf mich fortan etwa einmal im Monat mit meinem Führungsoffizier Würbach. Wir saßen in Hotelzimmern im Bären oder im Gästehaus der Uni, meistens aber in einer konspirativem Wohnung einer alten Dame in einer Neubausiedlung und grasten das immer gleiche Schema ab: kurzer Smalltalk und dann die Fragen nach der Jungen Gemeinde, was es Neues gäbe, was wir vorhätten und so weiter.
Ich beantwortete ihm diese Fragen, erzählte, was geplant gewesen war und bemühte mich dabei klarzumachen, warum wir diese Dinge tun wollten. Es war ein diffuses Spiel von Wahrheiten, Vermutungen, Unterstellungen, Propaganda und Ähnlichem; es konnte einen um den Verstand bringen, was natürlich gewollt war und letztlich dafür sorgte, dass man Fehler folgen ließ, Fehler, wie den Aufbau von Vertrauen und einer Beziehung.
Würbach und ich duzten uns irgendwann. Er bot es mir das an, ich dachte gar nicht über die Wirkung nach und willigte ein. Heute weiß ich, dass es ein konkretes Ziel von Führungsoffizieren war und dass die Annahme dieses Angebots als Qualität der Beziehung angesehen wurde. Aus heutiger Perspektive abstrus, geradezu lächerlich, aber damals war so etwas von Bedeutung.
Einmal schenkte er mir zum Geburtstag ein Buch – Gesichter Vietnams – ich nahm es an und dachte mir nichts dabei. Wer sich auskennt mit den Methoden und Herangehensweisen der Staatssicherheit, der weiß, dass auch das ein kleiner Versuch, ein kleiner Test war, der mich letztlich unter Druck setzen und zu einer unüberlegten Aussage oder etwas Ähnlichem verleiten sollte. Und auch wenn ich mich nicht impfen ließ, erlahmte die Illusion ziemlich zügig, den Kerl umdrehen und für uns und unsere Sache gewinnen zu können. Dieses Experiment war ein guter Wille, aber vor allem eine echte Scheißidee. Und Fakt ist: Es hat überhaupt nicht geklappt!

Es war immer eine Herumeierei, wenn Würbach irgendwelche Aufträge hatte, dass bestimmte JG-Veranstaltungen nicht stattfinden dürfen. 1978 hatte ich Bettina Wegner zu einem Konzert in der Friedenskirche eingeladen. Sie sagte zu. Würbach wollte, dass ich sie wieder auslade. Natürlich kam das nicht in Frage. Ich diskutierte ein wenig mit ihm und sagte dann kleinlaut: Ja, aber ich machte einen neuen Termin einen Tag früher aus.
Irgendwann sagte ich ihm, daß das Konzert ausfällt. Es war klar, dss ich keine Werbung für ihren Auftritt machen konnte. Also ging ich Vormittag in den Hirsch und machte Mundpropaganda. Abends waren etwa 300 Leute da.
Würbach war Stinksauer. Meine Ausrede, dass Bettina sich auf das Vertragsrecht berufen hat, rief bei ihm ein ein hinterhältiges Lächeln hervor. Was solls, das Konzert war Geschichte.

Als wir 1986 mit „Künster für Andere“ Stefan Krawczyk und Freya Klier mit „Pässe & Parolen“ eingeladen hatten, war ich ja schon 5 Jahre raus und wurde in dem Operativen Vorgang „Kreuz“ bearbeitet.

1976 wurde mein Freund Matz, den ich seit 74 aus der JG kannte und der in Lesekreisen sehr aktiv war, mit seiner damals schwangeren Freundin eingesperrt; sie direkt in die Zelle neben ihn. Nach einem intensiven Verhör hörte er aus der Zelle nebenan markerschütternde Frauenschreie. Es muss unaushaltbar gewesen sein. Aber diese Schreie kamen nicht von seiner Freundin, die hatte man längst frei gelassen. Sie waren inszeniert, um ihn zu brechen.
Schon da hätte ich aufwachen und aufhören sollen. Schon da hätte ich begreifen können, zu was diese Bande fähig war.
Doch es wurde noch schlimmer, denn eben dieser Matz war es, der ein paar Jahre später, genauer gesagt am 10. April 1981 mit Blase im Zug saß, als man die beiden verhaftete und erst in Jüterborg und später in Gera stundenlang verhörte. Was dann passierte kann heute keiner mehr ganz genau nachweisen, Fakt ist: Matz starb zwei Tage später unter ungeklärten Umständen in unberechtigter Gefangenschaft der Staatssicherheit.

Den Unterlagen und Protokollen, die es heute gibt, kann man entnehmen, dass ein gewisser Herr Horst Köhler anderthalb Stunden mit Matz allein im Besucherraum war, kurz bevor Matz angeblich entlassen werden sollte. Fünfzehn Minuten später wurde sein lebloser Körper aufgefunden, erhängt mit seinem eigenen Hemd an einem Heizungsrohr.
Ich habe diesen Mann, diesen Köhler, später noch zufällig kennengelernt. Er wurde mir nach Matz Tod als Nachfolger von Würbach vorgestellt und war ein ganz harter Hund. Ich spürte sofort, dass ich ihm nicht gewachsen war und ließ seine Predigt stumm über mich ergehen; erst später erfuhr ich, dass er in den letzten Stunden bei meinem Freund Matz war und wahrscheinlich hauptverantwortlich für das, was dann geschah.
Die Nachricht von Matz Tod verbreitete sich wie ein Lauffeuer und kroch uns richtig in die Knochen. Wir waren fassungslos und schwer geschockt. Das hätten wir nicht für möglich gehalten. Plötzlich ging es nicht mehr um ein Stückchen mehr Freiheit, einen Fußbreit mehr Individualität; plötzlich ging es um Leben und Tod und das zog uns den Zahn. Sein Tod hatte vieles verändert, sein Tod hatte uns verändert. Bis heute.
Für mich persönlich war es eine Tragödie, die ich nicht für möglich gehalten hatte. Wir waren keine Verbrecher und keine Terroristen. Wir waren anders denkend, ja. Wir waren anders aussehend, ja. Und wir protestierten und provozierten, ja. Mehr aber auch nicht.
Natürlich war damit endgültig klar, dass es mit diesem Verein nichts mehr zu besprechen gab, es hatte einfach keinen Sinn. Hatte es offensichtlich die ganze Zeit nicht. Ich musste einsehen, dass es unmöglich war, Menschen und Kreise und Treffen und Ideen vor dieser Macht, die keine Grenzen kannte, zu beschützen. Und wer weiß, vielleicht war ich ja der Nächste?
Die Angst griff unheimlich schnell um sich und mir stellte sich die Frage, wie ich in einer derart angespannten Lage, aus so einem ultrakomplexen Geflecht aus Lügen und Intrigen wieder herauskommen sollte, aus diesem Drecksverein. Wie konnte ich denen klar machen, dass es zu Ende war?

Ich fuhr nach Braunsdorf und fragte Walter um Rat, mit dem ich die ganze Zeit in ehrlichem Austausch stand. Gemeinsam mit ihm, Blase und dem Stadtjugendpfarrer, von dem wir damals noch nicht wussten, dass auch er bei der Stasi war, fuhren wir nach Eisenach zum Landesbischof der Kirche. Wir erzählten ihm die ganze Geschichte, er sagte seine Unterstützung zu und so landete die Angelegenheit über die Bischofskonferenz beim Amt für Kirchenfragen, also ziemlich weit oben. Und diese Konferenz konnte, allein weil sie darüber sprachen und das thematisierten, eine Öffentlichkeit schaffen, die in der Lage war, Stasi-Aussteiger zu beschützen. Zehn Jahre zuvor wäre das noch undenkbar gewesen, aber zu dieser Zeit war die Kirche die einzig ernstzunehmende Gegenmacht zum Staat, mit der sich dieser auch nicht unbedingt ständig anlegen wollte. Da ging es also gar nicht mehr wirklich um mich und doch konnte mir dadurch eine Weile nichts passieren, das konnten sie sich nicht leisten und das beruhigte mich etwas. Etwa ein Jahr nach Matz Tod, Frühjahr 1982, haute Blase ab nach West-Berlin. Er war der letzte aus dem Kreis der Älteren, den ich hier noch hatte. Und damit war er im Grunde zu Ende, unser Widerstand. Was blieb, war eine furchtbar schlimme, anstrengende Zeit sowie eine ganze Reihe von Verleumdungen, Vorwürfen und Intrigen sowie Rechtfertigungen, Erklärungen und Gesprächen, die ganz gezielt auf mich einprasselten. Und mein Freund Dackel.

Dackel kannte ich damals noch gar nicht allzu lange, aber er wurde schnell mein bester Freund. Es passte einfach zwischen uns. So gut, dass man sich wirklich umeinander sorgte. Einmal, als es mir richtig schlecht ging, schickte er mir sogar eine Freundin vorbei, die sollte sich um mich kümmern. So weit ging diese Freundschaft, beinahe zu weit.
An einem ganz unschuldigen Dezembertag 1982, anderthalb Jahre nach Matz Tod, kam ich aus einer untypischen Richtung, lief an dem Haus meines damals besten Freundes Dackel vorbei, sah dessen Frau aus dem Fenster gucken und mit irgendeinem Mann reden. Plötzlich verschwand erst sie, dann er. Ich lief vorbei und dachte mir nichts dabei. Kurz darauf traf ich Dackel, berichtete ihm von diesem Mann und fragte, ob er Ärger hätte; hatte er nämlich öfter, zumeist wegen zu lauter Musik und so weiter und auch, weil er gerne Bullen ärgerte. Er reagierte erst gar nicht und tat es irgendwie ab, aber ein paar Stunden später kam er dann noch einmal zu mir und meinte, er müsse mir etwas sagen. Er hatte gerade mit seinem Führungsoffizier geredet, der hätte ihm gesagt, er solle sich mir öffnen.Dackel war also für die Stasi aktiv und wollte mich einweihen, dachte, ich würde schweigen und vielleicht sogar mit ins Boot steigen. Doch ich war inzwischen längst wieder raus!
Er wusste gar nicht, dass ich überhaupt mal aktiv war, denn zu meiner aktiven Zeit kannten wir uns einfach noch nicht gut genug und danach war ich froh, mit dem Laden nichts mehr zu tun zu haben, so dass ich ihm auch später nichts erzählte. Keine Ahnung warum, irgendetwas in mir hatte mich immer davon abgehalten, obwohl er in dieser Zeit mein bester Freund war.
Jedenfalls fuhr ich dann wieder einmal zu Walter Schilling, erzählte ihm alles und der meinte, er würde es mal versuchen.
Walter fuhr mit einer Aktentasche mit einem versteckten Recorder zu Dackel und sagte ihm sinngemäß, dass er aussteigen solle, bevor es zu spät wäre, dass wir ihn – wie in meinem Falle – versuchen würden zu unterstützen und die Kirche ihn beschützen konnte. Dackel jedoch verweigerte sich, diese Macht wollte er nicht aufgeben. Er fühlte sich sicher und beendete das Gespräch.
Daraufhin verschwand er ohne ein weiteres Wort. Ziemlich genau 10 Jahre lang war er von der Bildfläche verschluckt, zehn Jahre ohne jeden Kontakt. Von heute auf morgen. Mein bester Freund.

TAZ-Archiv vom 28.01.2006
Dr.Henning Pietzsch: „Jugend zwischen Kirche und Staat. Geschichte der kirchlichen Jugendarbeit in Jena 1970–1989“. Böhlau Verlag, Köln 2005, 390 S.
Henning Pietzsch rekonstruiert facettenreich die Oppositionsbewegung in Jena zwischen 1970 und 1989. Sein Grundlagenwerk erinnert damit an jenen Widerstand in der DDR, der sich nicht erst zu Wendezeiten formierte….
…So der waghalsige Plan der Szenegröße Thomas „Kaktus“ Grund, sich absichtlich von der Stasi anwerben zu lassen, um mittels dieser „Gegenkonspiration“ in den Apparat der Geheimpolizei einzudringen und diesen abzuschöpfen. Nach dem Tod von Domaschk fürchtete Grund um sein eigenes Leben und stellte sich unter den persönlichen Schutz des Landesbischofs….

Oder die Geschichte des späteren Kreuzberger Feinkosthändlers Michael Blumenhagen („Alimentari e Vini“), der zum ersten Todestag von Domaschk eine Skulptur an dessen Grab aufstellte, umgehend verhaftet wurde und erleben musste, wie sein Atelier als „Tatwerkzeug“ abgerissen wurde. Sehr spannend auch die ambivalente Rolle der Kirche. Einerseits befand sich fast die gesamte Leitung der Thüringer Landeskirche mit acht Spitzeln in fester Hand des MfS. Daneben produzierten sich noch zahlreiche Pfarrer, Diakone und Laien des kirchlichen Umfelds als eifrige Zuträger.

Andererseits gab es mit Pfarrer Walter Schilling eine wichtige Konstante von Widerstandsgeist. Schilling entwickelte bereits seit den Fünfzigerjahren von seinem Pfarramt im abgelegenen Braunsdorf aus Strategien für ideologiefreie Alternativen, zeigte sich dabei stets offen für neue Impulse der Verweigerung, bis hin zum Punk. Anders als einige seiner Kollegen, die sich 1989 kurz vor dem unübersehbaren Zusammenbruch der DDR-Diktatur medienwirksam in Szene setzten, ist Walter Schilling bis heute ein uneitler Basisarbeiter geblieben.

Dann tauchte er nach der Wende plötzlich wieder auf, übernahm in Gernewitz eine Kneipe und lud mich zu seiner Hochzeit mit einer tschechischen Prostituierten ein, so als wäre nichts gewesen. Ich war auch da, aber wie das auf Hochzeiten so ist, hat man mit denen die heiraten am wenigsten zu tun.
Wir hatten danach auch noch einmal miteinander zu tun, denn Dackel betrieb in der Lutherstraße auch ein kleines illegales Spielkasino sowie eine Art Wohnung für betreutes Übernachten, wie er es nannte. Eines Tages begegnete mir ein minderjähriges tschechisches Mädchen im Jugendamt, sie wurde in einer Klinik aufgegriffen, sollte nun in ein Heim gebracht und anschließend abgeschoben werden – natürlich ohne ein Wort mit ihr zu reden. Ich konnte mir schon denken, dass das eines der Mädchen war, die bei Dackel für Betreuung sorgten, fand den Umgang mit ihr typisch bürokratisch, also unmenschlich und beschloss mich einzumischen. Ich fragte, das Mädchen wie es ihr geht und sie sagte, sie wolle einfach nur nach Hause. So funktionierten die Behörden natürlich nicht, also setzte ich mich mit Kuli zusammen und schmiedete einen Plan drumherum: Erst gingen wir zu Dackel, machten ihm Angst und sagten, er würde nur heil aus der Sache kommen, wenn er uns Spritgeld für eine Fahrt nach Tschechien und den Ausweis des Mädchens geben würde. Dann zogen wir ein paar Strippen und sorgten dafür, dass die Heimleiterin, in deren Obhut sich das Mädchen schon befand, abgelenkt wurde, holten sie ab und machten uns auf den Weg zur Grenze. Dort empfang uns ein zuvor kontaktierter Mitarbeiter vom tschechischen Jugendamt und wir übergaben ihm das Mädchen. Auf diese Art lief vieles damals, so kurz nach der Wende, als alle ein bisschen überrumpelt waren; nicht gerade die korrekte Verfahrensweise, aber in jedem Fall die richtige Richtung.
Eine Weile später kam Walter Schilling zu mir, flackte mir eine Akte auf den Tisch und meinte, ich hätte eine Woche Zeit.
Er hatte eine Kopie meiner Stasi-Akte über einen Kontakt aus der Gauck-Behörde besorgt, wohl auch um zu sehen, wer ihn verraten hatte und ob ich es gewesen war. Da ich es nicht war, teilte er die Beute mit mir und so stand ich nachts an dem Kopierer des Kassablanca und kopierte Blatt für Blatt alle ungeschwärzten Originale – noch ohne Behörden-Stempel. Und was ich dort las, zog mir mitunter die Schuhe aus!

Dackel war gewiss nicht der einzige Spitzel in meinem Leben, aber er war der erste, der konkret auf mich angesetzt wurde, der mich gezielt kennenlernen sollte und dem es tatsächlich gelang, sich im Auftrag der Staatssicherheit eng mit mir zu befreunden.
Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Klar kostete diese Erkenntnis, die ich natürlich schon vermutet hatte, wieder ein mächtig großes Stück Urvertrauen. Auch und gerade, weil man natürlich denkt, dass man, wenn man seine Freunde so schlecht einschätzen kann, vielleicht besser keine mehr haben sollte.  Und Dackel wusste vieles!
Zum Beispiel wusste er, dass ich ein ganz besonderes Tagebuch geführt hatte. Mehr nicht, aber es scheint so, dass sie ihm, als er aufflog, erzählt hatten, dass auch ich mal mit im Boot saß. Da fiel ihm das mit dem Tagebuch wohl wieder ein. Jedenfalls ging ich einig Tage später´, es war ein Montag, das eingesammelte Kirchengeld im Kreiskirchenamt einzuzahlen und wollte gerade wieder nach Hause, da hielt die Polizei neben mir und nahm mich mit. Es hätte sich herumgesprochen, sagten sie, dass ich ein Tagebuch besäße und das hätten sie nun gern. Sie drohten mit Hausdurchsuchung und weil ich eine faule Sau war, keinen Bock auf so etwas hatte und mit alledem nichts mehr zu tun haben wollte, dachte ich dann: Gut, dann ist es halt weg, das Scheißding, dafür bekommst du keinen Ärger. Also gab ich es ihnen. Der letzte Satz in meinem Tagebuch lautete: Leckt mich am Arsch! So war wenigstens auch dem letzten im Verein klar, dass es mit mir keinen Sinn mehr haben würde.
Dackel war es auch, der nach seiner Enttarnung den klaren Auftrag bekam aktiv Stimmung gegen mich zu machen, die Leute gegen mich aufzuhetzen und so weiter. Auch diesem Auftrag kam er nicht unerfolgreich nach und sorgte damit für eine der schlimmsten und einsamsten Phasen, die ich so hatte. Und wenn ich heute, so viele Jahre später darüber nachdenke, dann war der IM Carlo, wie Dackel genannt wurde, die wohl größte Enttäuschung meines Lebens.
Ich war enttäuscht von ihm. Ich war enttäuscht von mir.
Und ich hatte Angst, dass noch irgendwas kommt und dass diese Geschichte nie enden würde. Tja, und wenn ich nun zum Eingangsthema zurückkomme und mich frage, warum es mit mir und den Gefühlen spätestens seit dem Beginn der achtziger Jahre so schwierig war, dann glaube ich, liegt das daran, dass ich in dieser Zeit einfach eine ganze Menge zu tragen hatte. Eigentlich wuchs mir vieles über den Kopf. Jeden Tag hatte ich die Hütte voll, zu viele Freunde und Bekannte, Leute die sich ausweinen wollten, die sich besaufen wollten und alles zusätzlich zur JG Arbeit und an den Wochenenden gabs es Party mit Freuden aus Dresden, Potsdam, Gera, Erfurt, Ilmenau uswusf.

Angelika Schön erzählte mir, daß sie im Februar 1982 Blase und Rosti im Jakob in Weimar kennen lernte.
Sie erinnerte mich so genau daran, weil sie mit Rosti in der Kiste landete,
er aber am nächsten tag sang-und klanglos verschwand.
1978 hatte ich auch ein Erlebnis mit Rosti. Ich war gerade mit Simone zusammen. Sie war bei mir und es klingelte. Rosti kam, danach kamen noch zwei, die Probleme mit sich hatten. Ich unterhielt mich etwa 1 Stunde mit Ihnen im Arbeitszimmer.
Als ich wieder ins Wohnzimmer kam, rübelten Rosti und Simone auf meinem Sofa. Ich schmiss beide raus.
In meinem Teppemhaus standen immer leere Weinflaschen herum. Die knallte ich alle vor die Wand, um meinen Frust loszuwerden.
Am nächsten Tag schippte ich die Scherben in den Mülleimer und ging fürderhin beiden aus dem Weg.

An meinem 30sten Geburtstag 1983 war u. a. ein Freund zu Gast, Namens Henry Leuschner. Der brach sich immer einen ab wenn er ein H aussprechen wollte und deshalb von allen „H´ackeby“ genannt wurde. Er fuhr öfter mit dem Wartburd seiner Mutter herum, bios er ihn in einer Kurve schrottete. Paar Monate später hatte seine Mutter einen neuen. Irgenwann wurde er bei einer Flucht angeschossen, landete im Knast und 2 Jahre später in Westberlin. Seine Mutter wurde irgendwann verhaftet, weil sie immer die Wäscheleinen im Viertel abgeräumt und verkauft hatte. Als Halbtagskraft konnte sich sich damit ihre Autos leisten.

1977 war im Volkshaus eine sogenannte Musikauktion, wo Leute aus dem Publikum Freunde grüßen konnten. Hackeby grüßte die verhafteten Jenenser, mit der Ansage, dass er Westdeutsche Jugendliche grüßt, die in seiner Schule zu Gast waren. Wir lachten uns Tagelang halbtot.

Es war in einer lauen Sommernacht 1978, die Fenster meiner Wohnung waren geöffnet, es waren ja immer ein paar Leute da. Irgendwann war ein lautes Gröhlen zu hören, das langsam näher kam: „Burummbummbumm die Russen kumm´ der Vater trägt die Fahne, die Kinder laufen naksch herum….. Es war mein Freund Hackeby, der mit meinen Freund „Eggschen“ besoffen die Lutherstrasse entlang tobte, bis sie bei mir ankamen.